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Rede so in einer Freymaurerloge gehalten worden von einem in derselben aufgenommenen Mitgliede, Marburg 1751.

Bitte berücksichtigen Sie beim Lesen dieses Textes das die Wortwahl und Begrifflichkeiten der damaligen Zeit entsprechen.

Edle, würdige und weise Gesellschaft, meine Freunde und ehrliche Männer. Ich stehe heute vor Ihnen, als vor einer Versammlung, welche eine Gesellschaft der Freiheit; Darinnen die Großen, auf einige Zeit, von dem Zwange ihres Ranges entlastet, die Niedrigen aber, zu edlern und erhabenern Begriffen geleitet werden. Dies ist also eine Gesellschaft, von der ich jederzeit geurteilet, daß mit der selben eine richtige Denkungsart, und alles dasjenige, was einen wahrhaftig ehrlichen Mann ausmacht, so genau verbunden sein muß, als die Seele mit dem Körper. Ohne diese Eigenschaften muß eine Verbindung derer Sterblichen, eben das sein, was ein Tag ohne Licht, und die Welt ohne Sonne sein würde; Denn ein Weiser trachtet auch in der Dunkelheit nach dem Lichte, wo hingegen die Dummheit und Bosheit nichts mehr wünscht, als in dem Klumpen derer Gestalten, verborgen geblieben zu sein, oder dahin zurück kehren zu können, um ewig finster unkenntbar zu bleiben. Aber die Gegenstände und der Zweck eines Weisen sind von ganz anderer Beschaffenheit. Sein erleuchtetes Gemüte kennet die bevorstehenden Glückseligkeiten, so nur allein der Tugend bestimmt sind; Er rechnet nicht allzeit auf irdische Vergeltungen. Denn wenn Tugenden und Verdienste allezeit Belohnungen nach sich zögen, so würde man nicht eine so große Menge unglückselige Tugendhafte finden, deren wahre Verdienste unvergolten bleiben, weil sie sich gemeiniglich von denen Belohnungen durch die Ränke unwürdiger Kreaturen verdrungen sehen müssen;

Wie angenehn vergilt, eine Verbrüderung wahrer Redlicher, diese so verlassene Verdienste weiser Männer: Hier ist der Zirkel, denn die Bosheit nicht überschreiten kann, und nur hier allein, kann ein gekränkter Weiser, ohne beschämt zu werden, der Befriedigung seines Geistes nachjagen; Billig ist demnach eine solche Verbindung verehrungswürdig zu nennen. Soll aber nun eine so allgemeine Vereinigung richtig sein? So muß selbige, die Verbesserung der Welt, und das Wohl seiner Nebenmenschen und Mitbürger zum Endzwecke haben: Die Menschenliebe muß zu mehrerer Wirksamkeit kommen. Die Einsichten müssen billiger und allgemeiner werden. Die Selbsterkenntnis muß einen höheren Grad erreichen; Ja mann muß erkennen lernen, daß ein Mensch seiner natürlichen Beschaffenheit. keiner vor dem anderen, einen Vorzug begehren könne, und das der Unterschied derer Hohen und Niedrigen, nur allein eine Einteilung der weisen Vorsicht ist, ohne dabei auf das Sonderbare zu sehen, so dieser oder jener an Leibes- oder Glücksgütern an sich hat; Denn auch diese sind eine Gabe der Allmacht, daß also der Mensch um und an sich nichts hat, das er selbständig rechnen, und darauf vorzüglich stolz sein könne. Es könnte der Vorsehung eben so wohl gefallen haben. den Hohen in die Niedrigkeit zu versetzten; So wie es dem Niedrigen unverwehrt bleibt, auf eine untadelhafte Art, auf die Verbesserung seines Glücks bedacht zu sein, und wie viele Exempel einer solchen Veränderung liefern uns die Geschichte noch täglich. Denn seinem inneren Verstande nach, ist der Höchste von dem Geringsten durch nichts unterschieden, weil wir alle gleiches Recht haben, nach einer wahren Glückseligkeit zu streben; Und wie es möglich ist es, daß vide Niedrige hierin einen weit höheren Grad erreichen können, für denen Großen, weil man hierzu durch keinen anderen Weg gelangen kann, als durch das sichere Geleite der Tugend. Eben die Tugend ist es, so durch die Weisheit erlanget, und denen wirklich zu Teil wird, so wahrhaftig weise zu sein suchen; Hierin bestehen die wahren Vorzüge des einen vor dem anderen. Dies macht allein edel, wo ein Lasterhafter, bei einer unzähligen Menge, von Ahnen seines gleichen, allezeit unedel bleiben wird, ob schon der äußerliche Glanz, denen Sinnlichkeiten ein anders überreden wollen. Gleichwohl wird ein wahrer weiser, keine Betrachtung auf‘ das Scheinbare, sondern nur auf das Wesentliche wenden. 0! wie niedrig ist alsdenn, ein so eingebildeter Hoher, in den Augen eines Weisen; Dieser würde nicht um noch tausend solche äußere Herrlichkeiten, das Schätzbare vertauschen, so die Zufriedenheit seines Geistes ausmacht, so jener in blendenden Außenwerken, nur vergeblich suchet. Denn es bleibt ohne dem ausgemacht, daß ein wahrhaftig Weiser, niemals ganz unglücklich sein kann, denn das innere Teil seiner Glückseligkeit, vermag ihm kein Zufall zu rauben, und es kann nicht von ihm genommen werden. Der Geist des Menschen ist unsterblich, er muß wieder zurück zu dem Ursprungswesen aller Dinge; Es ist also begreiflich, und ist nicht möglich, daß dieser unsterbliche Geist, durch irdische Herrlichkeiten befriedigt werden könne; Selbige bringen zwar wohl eine Betäubung derer Sinne, niemals aber eine Befriedigung des Geistes zu wege. Man gebe nur Achtung, ob nicht ein Mensch, der auch in allen nur möglichen Glückseligkeiten äußerlich stünde, dennoch unzufrieden ist: Weil er seiner Einbildung nach, diese oder Jene ihm noch mangelnde Güter nicht erlangen kann; Und gesetzt daß er solche bekäme, so weiß die Leidenschaft gleich neue Erfindungen hervorzubringen, so zu neuen Wünschen Anlaß gibt. Nichts anders ist hieran Ursach als daß der Geist des Menschen durch irdische Glückseligkeiten nicht kann beruhigt werden. Er sehnet sich wie ein Wanderer nach seiner Heimat, alle andere Gegenstände sind ihm verhaßt. Es ist also die Schuldigkeit eines gesitteten Menschen, so viel als möglich zu suchen, daß seinem Geiste Nahrung verschaffen kann.

So ehrwürdige Freunde und nunmehro Mitbrüder, bin ich gewohnt zu denken; Und da ich niemals begreifen können, daß sich weise Männer mit Kleinigkeiten beschäftigen sollten: So bin ich ungemein erfreut, zu sehen, daß mich meine Begriffe nicht getauscht haben, wenn ich ein gleiches von Ihnen erhoffet.

Ich kann mich demnach einer ungezwungenen Dankbarkeit nicht entbrechen, Ihnen zu bezeugen, wie sehr ich gerührt bin, daß es Ihnen gefallen hat mich als ein Mitglied in diese so weise Verbrüderung aufzunehmen; Je mehr ich ihnen versichere, daß ich nichts verabsäumen werde, was die Beobachtung billiger Gesetze einer so würdigen Gesellschaft erheischen mag. Es soll meiner seits allemal der Zweck meiner Handlungen bleiben, der Tugend immer zugctancr und denen Lastern immer feinder zu werden, weder Hoheit, weder Rang, noch sonst andere verführerische Anzüglichkeiten sollen mich verhindern, ein Menschenfreund zu sein.. Wollte es dem Himmel gefallen, mein Vermögen zu segnen, so soll es mich nur darum freuen, den Dürftigen nützen zu können; Ich werde nie aus den Augen lassen, der sich regenden Menschlichkeit ohngeachtet, meinen Begehren Einhalt zu tun: Daß weder der Zorn, noch der Eigennutz, noch sonst eine andere Leidenschaft Zeugnis geben können, daß ich meine Pflicht vergessen hätte. Kurz um ich werde suchen weise zu werden, damit ich ein würdiges Glied einer Gesellschaft sein möge der niemand die sichere Eigenschaft rauben kann, daß sie Freunde der Weisheit und Tugend sind.

Anonymus (1751)